Zwischen Hoffnung und Kollaps - 4. Quartal 2020

Das von vielen herbeigesehnte Ende des vergangenen Jahres ist bereits Vergangenheit. Wir wurden mit ausserordentlichen Situationen konfrontiert und befinden uns noch mittendrin, diese zu bewältigen. Das Jahr 2020 wird mit Sicherheit bei den wenigsten mit positiven Ereignissen in Erinnerung bleiben. Hoffnungsschimmer für das kommende Jahr zu finden fällt einem schwer. Deshalb ist es umso wichtiger, sich der aktuellen Situation bewusst zu werden.


Die Amerikanischen Wahlen verschafften vielen einen kleinen Lichtblick für die bevorstehende Zeit. Auch, wenn diese eine gespaltene Gesellschaft kristallisierten, wie es sie schon lange nicht mehr gab. Mit der Wahl von Joe Biden und der ersten Vize-Präsidentin der Vereinigten Staaten, Kamala Harris, erwarten viele eine weniger temperamentvolle Handhabung in der Weltwirtschaft seitens der USA. Beziehungen zu China oder Europa könnten wieder aufblühen und trotz der Skepsis von Steuererhöhungen für Unternehmen könnten viele Strafzölle wieder abgeschafft werden. Ebenso wird die Förderung der «grünen» Wirtschaft der Umwelt zugutekommen. Vielerorts ist es jedoch mit Hoffnung nicht getan. Wir stecken mitten in einer der grössten Rezessionen und viele sehen sich unbezwingbaren Situationen gegenübergestellt.


COVID-19

Für KMU’ s sieht es düster aus. Während diese aufgrund der Massnahmen zu keiner Arbeit kommen oder diese erst gar nicht anbieten dürfen, bauen Grossbetriebe wie Coop und Migros ihren Marktanteil aus. 12% der Gastrounternehmen könnten diese Zeit nicht überstehen, was einem Verlust von bis zu 100 Tausend Arbeitsplätzen gleichkäme. Der Tourismus ist momentan ebenfalls stillgelegt. Bedenkt man, dass dieser mit 65 Milliarden Schweizer Franken ein Zehntel der Wirtschaftsleistung ausmacht, erkennt man, wie sehr die Wirtschaft leidet. Obwohl der Bundesrat weitere Hilfspakete erlassen hat, scheint dies auch kein leichtes Unterfangen. Die Kriterien sind teilweise schwer zu erfüllen. Beamte der SECO haben dafür 20 Paragraphen und mehrere Unterparagraphen definiert. Viele Voraussetzungen sind gemäss Experten unstimmig, sehr gesucht und kaum erfüllbar. Als Beispiel nennen sie die Voraussetzung, welche besagt, dass zum aktuellen Zeitpunkt des Antrags keine Steuerschulden bestehen dürfen. Dies stellt kein Indiz für Überlebensfähigkeit oder Profitabilität dar. Zudem muss der Kredit, welcher im Frühling genehmigt wurde, voll ausgeschöpft sein. Damit wird vorausgesetzt, dass eine Firma am Rande der Liquidität sein muss, was einen Widerspruch zur Profitabilität und Überlebensfähigkeit darstellt. Weiter fordern einige Experten «À-Fonds-perdu»-Beiträge, welche nicht zurückbezahlt werden müssen. Gegner solcher Massnahmen jedoch behaupten, die Coronakrise führe lediglich eine Strukturbereinigung durch. Ebenfalls seien Steuergelder nicht unbegrenzt vorhanden. Die Schulden seien zum jetzigen Zeitpunkt bereits kaum zu bewältigen und die Folgegeneration werde diese Last austragen müssen.


Verschuldung und Tiefzinsfalle

Dass die Verschuldung seit Jahren zunimmt, ist kein Geheimnis. Was im Krisenjahr 2020 jedoch zusammenkam, ist unvorstellbar. Wir befinden uns in einer der grössten, je erlebten Weltrezessionen. Aktuell werden 1/8 (ein Achtel) aller geleisteten Arbeitsstunden nicht gearbeitet. Hundert Millionen Arbeitnehmer verloren ihren Arbeitsplatz, viele weitere werden folgen. Die Anstrengungen von Geld- und Fiskalpolitik, die Wirtschaft mit Geldschwemmen aufrechtzuerhalten, sind nur von kurzer Dauer. Was das Kartenhaus der Verschuldung noch am Leben hält, und dessen Einbruch verhindert, sind die tiefen, mittlerweile negativen Zinsen. Seit nun 6 Jahren bestehen Negativzinsen, welche solche Schuldenberge tragbar machen und neue erst ermöglichen. Was die Folgen einer solchen Wirtschaft sind, zeigt Japan. Die Wirtschaft stagniert seit Jahren. Das Bruttonationaleinkommen pro Kopf lag im letzten Jahr unter dem Stand des Jahres 1995. Tech-Konzerne wie Sony oder Panasonic verloren den Anschluss an Apple und Co. und somit viel Wert an der Börse. Der Anteil der Sozialausgaben am Staathaushalt steigt jährlich kontinuierlich an.


Die Verschuldung und deren tiefen Zinsen sind auch der Grund, weshalb die Immobilien- und Aktienpreise ungesund ansteigen. Viele sind sich dessen bewusst, in welcher Situation wir uns befinden und flüchten in solche Anlageklassen. Denn ein weiterer Nachteil einer solchen Geldpolitik besteht darin, dass die hohe Geldmenge eine Entwertung des Geldes mit sich bringt. Seit der Finanzkrise 2008 ist der Schuldenberg massiv gestiegen. Eine instabile Weltwirtschaft ist die Folge. Die neu geschaffenen Schulden im Jahre 2020 und im kommenden Jahr 2021 nennen Experten einen «Schuldentsunami». Diese erwarten für das Jahr 2021 einen Anstieg der Schulden auf 365% des Weltvolkseinkommen. In der USA ist die Basisgeldmenge allein im Jahre 2020 um 50% gestiegen, jene der europäischen Zentralbank um 40%. Die Schweizer Nationalbank hat die Liquidität um 140 Milliarden Schweizer Franken vergrössert. Dies entspricht dem dreifachen der Basisgeldmenge, welche vor der Finanzkrise überhaupt zur Verfügung stand.


Somit sind die Grundlagen für eine drastische Geldentwertung aus wirtschaftlicher Sicht gelegt. Der Spruch, «es geht gut, solange es gut geht», war nie zutreffender.


Schweizer Wirtschaft


Stellung in der Pharmaforschung

Viele Pharmaunternehmen wurden genannt, welche an der Ausarbeitung eines Impfstoffs für das Coronavirus beteiligt waren. Vergeblich suchte man dabei nach Schweizer Unternehmen. Offensichtlich kommt die Forschung in der Schweiz und in Europa allgemein zu kurz. Doch wieso ist das so? Roche, das grösste Pharmaunternehmen der Welt investiert seit Jahren Millionenbeträge in Big Data Unternehmen, dies vor allem in der USA. Roche-Ceo Severin Schwan selbst meint dazu, dass Europa den Anschluss beim Geschäft mit «Big Data» verliert. Es fehlen schlicht die Gesundheitsdaten und die Digitalisierung wird im Bereich Gesundheit vernachlässigt. Eine Standardisierung scheint unmöglich und somit sind neue Vorgänge langwierig in der Umsetzung. Vor allem die Schweizer Situation sei sehr prekär. Die diffusen Vorbehalte und der altbekannte «Kantönligeist» verhindern sinnvolle und schnelle Lösungen. Als Vergleich; Die USA hat in den letzten drei Jahrzenten die Investition verzehnfacht, während es in Europa knapp eine Verfünffachung war. Eine Digitalisierung sowie Dezentralisierung der Patientendaten fehlt komplett, in der USA ist dies gang und gäbe. Durch diese Dezentralisierung können neue Therapien zeitnah zugänglich gemacht werden, während in Europa unflexible, regulatorische Prozesse bestehen. Die Roche sowie die Novartis setzen sich seit einiger Zeit in Brüssel dafür ein, diese Umstände für Schweizer sowie Europäische Unternehmen zu ändern.


Raiffeisen-Skandal

Nachdem im Jahre 2019 die Credit Suisse mit dem Beschattungsskandal für Aufsehen sorgte, liess im Folgejahr 2020 eine weitere Schweizer Bank mit brisanten Details zum Strafverfahren, welches am 28. Februar 2018 eröffnet wurde, auf sich aufmerksam machen. Am 03. November 2020 erhob die Zürcher Staatanwaltschaft Anklage gegen Pierin Vincenz, von 1999 – 2015 Vorsitzender der Geschäftsleitung der Raiffeisenbank Schweiz.


Pierin Vincenz und Beat Stocker, der Mann im Hintergrund, welcher die dubiosen Deals abwickelte, sollen für sechs Jahre ins Gefängnis. Während Vincenz 9 Millionen Schweizer Franken zurückzahlen soll, sind es bei Stocker 16 Millionen. Denn Vincenz und Stocker kassierten über Jahre an Firmendeals der Raiffeisen mit. Ein besonders verstrickter Deal sorgte für Aufsehen, bei welchem die i-Finance Management, hinter der Vincenz und Stocker steckten, im Sommer 2005 für 1.5 Millionen Schweizer Franken die Mehrheit der Aktien der Firma Commtrain erwarb. Die Viseca (ehemals Aduno), an der die Raiffeisenbank zu 25.5% beteiligt ist, übernimmt nur ein Jahr später die Firma Commtrain für 7 Millionen Schweizer Franken. Die i-Finance Management, hinter welcher Vincenz und Stocker stecken, realisiert einen Gewinn von 2.6 Millionen Schweizer Franken.


15 Jahre nach diesem Deal werden Vincenz und Stocker gewerbsmässiger Betrug, Veruntreuung, Urkundenfälschung sowie passive Bestechung vorgeworfen, dies zum Nachteil der Viseca (ehemals Aduno). Dabei werden mehrere Geschäfte untersucht, welche zu Lasten der Raiffeisen und der Viseca abgewickelt wurden. Darunter befinden sich Deals wie Commtrain, Genève Credit & Leasing, Investnet und Eurokaution.


Salt vs. Sunrise

Nach dem Scheitern des milliardenschweren Kaufs von UPC durch Sunrise ist es nun geglückt. Die Liberty Global, Muttergesellschaft von UPC, übernimmt die Sunrise. Dadurch entsteht das zweitgrösste Telekommunikationsunternehmen der Schweiz, welches eine schlagfertige Alternative zur Swisscom bietet.


Ein Unternehmen will dabei nicht mitspielen, und dies aus guten Gründen. Es handelt sich dabei um das Schweizer Telekommunikationsunternehmen Salt. Denn die NJJ Capital, französisches Telekommunikationsunternehmen und Muttergesellschaft von Salt, klagt vor Gericht gegen Sunrise und fühlt sich doppelt betrogen. Denn die Partnerschaft für das Festnetz mit Sunrise fiel durch den UPC-Deal ins Wasser und eine Fusion mit derselbigen UPC war geplant. Salt lagen mehrere Angebote vor, unter anderem der Liberty Global, Mutterkonzern der UPC. Aufgrund des Exklusivitätsabkommen mit Sunrise jedoch nahm diese nie Gespräche mit vorletzteren auf.


Denn im März vereinbarten Sunrise und Salt, keine Gespräche mit Dritten zu führen. Eine Ausnahme bildete jedoch der Fall, dass ein öffentliches Übernahmeangebot zustande käme. Salt wirft dabei der Sunrise vor, Verhandlung hätte zwischen dieser und der Liberty Global stattgefunden, was somit ein öffentliches Angebot ausschliesst. Dabei bestätigen Mails, dass ein Austausch zwischen Liberty-CEO Mike Fries und Sunrise Präsident André Krause stattgefunden hat.


Erwähnt wird darin ein formelles Angebot gemäss einem Telefonat von 100 Schweizer Franken pro Aktie, was einem Marktwert von 4.5 Milliarden Schweizer Franken gleichkäme. Am 24. Juli 2020 erhält Sunrise ein Angebot über 110 Schweizer Franken pro Aktie und nimmt dieses an. Am 03. August erfolgt die Unterschrift auf einer Vertraulichkeitsvereinbarung. Einen Monat nach dem ersten Angebot erfolgt das öffentliche Übernahmeangebot durch die Liberty Global. Kurz darauf reicht Salt eine Klage in Zürich sowie in Denver, USA ein. Anders als das Gericht in Zürich, nimmt man die Vorwürfe in den USA ernst und eröffnet ein Verfahren. Dabei verlangt die Salt die genannten Dokumente, welche bezeugen, dass die Exklusivitätsvereinbarung verletzt wurde. Der Ausgang ist noch offen.


Ausblick 2021

Wirtschaftlich erwarten wir für das kommende Jahr eine schwierige Zeit, in der die Folgen der Corona-Massnahmen erst recht ersichtlich werden. Für viele Branchen, welche mit dem Zeit- und Strukturwandel bereits vor der Krise zu kämpfen hatten und nun mehr als je gefordert sind, werden neue und unbekannte Zeiten aufkommen. Jedoch werden auch neue Möglichkeiten entstehen, welche Anpassungsfähigkeit und Offenheit fordern. Denn wer bis vor kurzem noch in seinen alten Bahnen gefangen war, ist nun angewiesen, einen Strategiewechsel einzulegen. Denn Krisen bringen Möglichkeiten mit sich, welche erkannt werden müssen. Sei es für die private wie auch die geschäftliche Umgebung.

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